Die Frage nach dem „richtigen“ Anker taucht gelegentlich auf – oft verbunden mit bestimmten Revieren. Doch streng genommen ist das zu kurz gedacht. Ein Anker funktioniert nicht deshalb gut, weil er für ein bestimmtes Seegebiet „gemacht“ ist, sondern weil Bauart, Gewicht, Ankergeschirr und Handhabung zusammenpassen.
Ein Frachter tauscht schließlich auch nicht seine Anker, nur weil er von der Nordsee ins Mittelmeer fährt. Entscheidend ist nicht der Name des Reviers, sondern der Untergrund und die Art, wie wir ankern.
Bodenbeschaffenheit schlägt Reviernamen
In den friesischen Binnenrevieren, im IJsselmeer und in der Nordsee treffen wir auf sehr unterschiedliche Böden:
Sand, weicher Schlick, Kraut, stellenweise Muscheln oder Geröll. Auf sauberem Sand hält fast jeder halbwegs vernünftige Anker – vorausgesetzt, er wird korrekt gefahren. Anspruchsvoller wird es bei Bewuchs, weichem Schlick oder wechselnden Schichten. Dort zeigt sich schnell, ob Anker und Ankergeschirr wirklich zusammenpassen.
Mindestens ebenso wichtig wie der Anker selbst ist dabei das Ankergeschirr: ausreichend Kette, saubere Führung über die Bugrolle und die Möglichkeit, den Zug möglichst flach auf den Anker wirken zu lassen. Ein Ankerplatz ist nicht deshalb gut, weil das Eisen teuer war, sondern weil man die Kontrolle über das gesamte System behält.
Ankertypen im Überblick – was passt zu unseren Revieren?

Stockanker
Der Klassiker aus früheren Zeiten. Er hält zuverlässig in nahezu jedem Boden, ist aber auf modernen Yachten unhandlich, schlecht zu verstauen und kaum kompatibel mit heutigen Bugrollen. Für die Praxis in Binnenrevieren und auf dem IJsselmeer daher eher Theorie als Lösung.
Plattenanker (Danforth-Typen)
Leicht, flach und platzsparend – auf Sand durchaus brauchbar. Ihre Schwächen zeigen sie jedoch schnell bei Kraut, Muscheln oder unruhigem Untergrund. Einmal ausgebrochen, bauen sie nur langsam wieder Haltekraft auf. Für geschützte Binnenreviere bedingt geeignet, als alleiniger Hauptanker eher keine erste Wahl.
Pflugscharanker (CQR & ähnliche)
Ein bewährter Allrounder, der auch in unseren Revieren zuverlässig arbeitet – wenn er ausreichend schwer dimensioniert ist. Er gräbt sich gut ein, verzeiht kleinere Fehler beim Ankern und lässt sich ordentlich an der Bugrolle fahren. Für IJsselmeer und Nordsee nach wie vor eine solide, konservative Lösung.
Bruce-ähnliche Anker
Diese Anker liegen meist gut in der Bughalterung und sind einfach zu handhaben. In schwierigen Böden – Kraut, harter Schlick oder wechselnde Schichten – zeigen sie jedoch Schwächen beim Eingraben. Als Zweitanker akzeptabel, als Hauptanker in anspruchsvollen Bedingungen mit Einschränkungen.
Bügelanker (Rocna-, Mantus-Prinzip)
Diese Bauart hat sich in den letzten Jahren auch in Nordsee- und IJsselmeerbedingungen stark bewährt. Der Überrollbügel sorgt dafür, dass sich der Anker unabhängig von seiner Lage immer richtig ausrichtet. Die schwere Flunke gräbt sich schnell ein, auch bei wechselnder Zugrichtung durch Wind oder Strom.
Keine beweglichen Teile, keine Gelenke – robust, verlässlich und besonders geeignet für Skipper, die nicht täglich ankern, aber im Ernstfall Ruhe im Bauch haben wollen.
Ankergeschirr: der unterschätzte Teil
Der beste Anker versagt, wenn der Zug steil von oben kommt. Ziel ist immer ein möglichst horizontaler Zug auf den Schaft. Das erreicht man nur mit ausreichend Kette. Für unsere Reviere hat sich bewährt:
- Hauptanker mit ca. 20 m Kette
- Zweitanker mit 5–10 m Kette
- anschließend ausreichend Leine
Die Kette dämpft Bewegungen, nimmt Lastspitzen auf und sorgt dafür, dass Wind und Strom harmonisch abgefangen werden – gerade im Tidenbereich der Nordsee ein entscheidender Punkt.
Warum überhaupt ankern?
Weil es dazugehört.
Weil kein Hafen das Gefühl ersetzt, in einer stillen Bucht oder hinter einem friesischen Deich vor Anker zu liegen. Das Boot liegt ruhig, Abstand entsteht – zu Lärm, Terminen, Erwartungen. Vor Anker sein heißt, wirklich unterwegs zu sein. Für viele ist genau das der Moment, in dem Segeln mehr wird als Fortbewegung.
Fazit:
Nicht der „richtige Anker fürs Revier“ ist entscheidend, sondern ein passender Anker für den Boden, ausreichend Gewicht, genügend Kette und eine saubere Technik. Wer das beherzigt, liegt im IJsselmeer, in friesischen Binnenrevieren und auch draußen auf der Nordsee ruhig – und sicher.
Zweit- und Notanker – warum sie an Bord dazugehören
Wer sich Gedanken über den richtigen Hauptanker macht, sollte auch die Frage nach Zweit- und Notanker nicht ausklammern. Gerade in den friesischen Binnenrevieren, auf dem IJsselmeer oder in der Nordsee kann ein zusätzliches Eisen über Nacht oder bei plötzlich drehendem Wind den Unterschied zwischen sicherem Liegeplatz und hektischem Suchen ausmachen.
Ein Zweitanker ist dabei kein Ersatz, sondern eine Ergänzung. Er eröffnet Möglichkeiten, die der Hauptanker allein nicht bietet: ein zweiter Buganker, um den Schwojkreis zu begrenzen, oder zusätzliche Sicherheit auf Böden, die nicht optimal greifen. Ideal ist ein Anker ähnlich dem Hauptanker, nur etwas kleiner – ein Pflugscharanker oder moderner Bügelanker erfüllt diese Aufgabe zuverlässig. Entscheidend ist, dass er so bereit liegt, dass man ihn im Ernstfall ohne Nachdenken ausbringen kann. Eine zweite Bugrolle oder eine gut zugängliche Backskiste sind hier der richtige Platz.
Der Plattenanker hat sich als bewährte Ergänzung besonders für die Heckseite etabliert. Leicht, handlich und einfach zu verstauen, entwickelt er in Sand und Schlick eine gute Haltekraft und eignet sich hervorragend, um das Boot ruhig zu halten, wenn die Strömung dreht oder der Wind plötzlich zunimmt. Auch hier gilt: Wer erst kramen oder zusammenbauen muss, verliert wertvolle Zeit.
Ganz anders verhält es sich mit dem Notanker. Dieser kleine, griffbereite Helfer ist für den Moment gedacht, in dem jede Sekunde zählt. Ob ein Plattenanker, ein kleiner Pflugscharanker oder ein kompakter Bügelanker – entscheidend ist, dass er sofort einsatzbereit ist. Alles andere ist im Notfall wertlos. Besonders der Klappanker zeigt hier seine Grenzen: leicht und platzsparend, ja, aber auf weichen Böden wie Sand oder Schlick wenig zuverlässig. Für Beiboote oder sehr kurze Stopps mag er praktisch sein, als Notanker auf einem Fahrtenboot ist er keine echte Lösung.
Die wahre Sicherheit an Bord entsteht nicht durch das Gewicht des Eisens allein, sondern durch Vorbereitung und Übersicht. Hauptanker, Zweitanker und Notanker müssen zusammenpassen, gut erreichbar und sinnvoll platziert sein. Wer das beherzigt, kann auch auf rauem Wasser entspannt bleiben – denn Ankern wird dann zu einem Teil der Freude am Segeln, nicht zum Grund für Sorge.
