Das richtige System?
Als ich das Boot das erste Mal besichtigt habe, war der Sailtainer ehrlich gesagt einer der Punkte, die mich am meisten verunsichert haben. Ich kannte das System vorher nur aus Berichten und Diskussionen, oft mit dem Tenor „funktioniert, wenn man weiß wie – sonst eher nicht“. Rückblickend war der Sailtainer tatsächlich einer der wenigen Gründe, warum ich ernsthaft überlegt habe, ob ich mich gegen das Boot entscheiden sollte.
Nach der Übernahme war das Thema allerdings gesetzt. Der Sailtainer war an Bord, ein Umbau stand nicht zur Debatte, also blieb nur ein Weg: verstehen lernen, wie das System wirklich funktioniert. Nach einer ganzen Saison mit unterschiedlichsten Bedingungen lässt sich heute deutlich klarer sagen, wo die Stärken liegen – und warum der Sailtainer anfangs so sperrig wirkte.
Der entscheidende Punkt ist das Zusammenspiel von Großfall und Bergeleine. Beide Leinen sind beim Sailtainer keine einfachen Bedienleinen, sondern integraler Bestandteil des Systems. Sie arbeiten aktiv gegeneinander, und genau hier liegt der größte Unterschied zu einem klassischen Großsegel mit Lazyjacks. Wer versucht, den Sailtainer wie ein „normales“ Segel zu behandeln, wird schnell an seine Grenzen stoßen.
Das Großfall übernimmt beim Sailtainer nicht nur das Setzen des Segels, sondern auch dessen Führung beim Einrollen. Es muss frei laufen können und darf beim Bergen weder blockiert noch schlagartig gefiert werden. In der Praxis bedeutet das: Beim Einrollen halte ich das Fall immer leicht unter Spannung und lasse es kontrolliert nach. Ist es zu dicht, arbeitet man gegen die Rollmechanik im Baum. Ist es zu lose, rollt das Segel ungleichmäßig auf und legt sich schief.
Die Bergeleine wiederum ist der eigentliche Antrieb des Systems. Über sie wird das Segel in den Baum gerollt. Auch hier gilt: gleichmäßig statt kraftvoll. Sobald die Bergeleine schwer geht, ist das kein Zeichen dafür, dass man stärker ziehen sollte. In nahezu allen Fällen steht dann noch Last im Segel, der Kurs passt nicht oder das Großfall gibt nicht frei genug nach. Genau diese Erkenntnis war für mich ein Wendepunkt im Umgang mit dem Sailtainer.
Mit der Zeit hat sich daraus eine klare Routine entwickelt. Beim Setzen des Großsegels halte ich das Boot ruhig, möglichst ohne seitlichen Druck im Segel. Die Bergeleine ist komplett frei, das Großfall läuft sauber durch. Beim Reffen oder vollständigen Bergen bringe ich das Boot leicht vor den Wind, nehme bewusst Druck aus dem Segel und beginne dann, das Großfall langsam zu fieren, während ich die Bergeleine gleichmäßig dichthole. Beide Leinen arbeiten dabei parallel – nicht abwechselnd, nicht hektisch, sondern kontrolliert und ruhig.
Diese Art der Bedienung fühlt sich anfangs ungewohnt an, fast entschleunigt. Nach einigen Manövern wird aber klar, dass genau darin die Stärke des Systems liegt. Das Segel verschwindet ruhig und ohne Flattern im Baum, nichts fällt unkontrolliert herunter, und gerade beim Einhandsegeln entsteht ein deutliches Plus an Sicherheit. Das Großsegel wird nicht „gebändigt“, sondern geführt.
Natürlich bleibt der Sailtainer ein System mit klaren Regeln. Wer versucht, unter Last zu rollen, den Kurs nicht beachtet oder glaubt, Kraft könne fehlende Vorbereitung ersetzen, wird wenig Freude daran haben. Der Sailtainer verzeiht Ungeduld kaum. Gleichzeitig belohnt er saubere Manöver mit einem sehr aufgeräumten, stressfreien Segelhandling und einem gut geschützten Segel.
Nach einer Saison würde ich sagen: Der Sailtainer war nicht der Grund, warum ich dieses Boot gekauft habe. Er ist aber auch längst nicht mehr der Grund, warum ich es beinahe nicht gekauft hätte. Aus anfänglicher Skepsis ist ein respektvoller, bewusster Umgang geworden. Ich weiß heute, wie Großfall und Bergeleine zusammenarbeiten müssen – und seitdem funktioniert das System zuverlässig und ruhig.
Der Sailtainer ist kein Komfortwunder, das alles automatisch einfacher macht. Er ist ein Werkzeug, das sauberes Segeln einfordert. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, bekommt Ordnung, Sicherheit und Ruhe im Großsegel-Handling zurück. Und das ist, gerade auf längeren Törns oder beim Alleinsegeln, mehr wert, als ich ihm beim ersten Blick an Bord zugetraut hätte.
