Strom, Leistung und Sicherungen ohne Angst
Viele Probleme an Bord entstehen nicht durch Defekte, sondern durch Unsicherheit.
Man weiß ungefähr, dass etwas mit Strom zu tun hat – aber nicht genau wie. Genau hier setzt dieser Artikel an.
Ziel ist nicht, Elektriker auszubilden, sondern ein solides Grundverständnis zu schaffen. Denn wer versteht, was im Kabel passiert, trifft automatisch bessere Entscheidungen.
Warum 12 Volt an Bord anders sind als zu Hause
An Land arbeiten wir mit 230 Volt Wechselstrom – an Bord fast ausschließlich mit 12 Volt Gleichstrom.
Das hat zwei wichtige Folgen:
- Hohe Ströme bei vergleichsweise geringer Leistung
- Leitungen und Übergänge werden deutlich kritischer
Ein kleiner Fehler, der an Land folgenlos bleibt, kann an Bord:
- Spannungseinbrüche verursachen
- Geräte stören
- Kabel erhitzen
Deshalb ist das Verständnis der Grundlagen so wichtig.
Spannung – der „Druck“ im System
Die Spannung (Volt) ist an Bord im Normalfall konstant: ca. 12–13 Volt.
Man kann sich das wie Wasserdruck vorstellen:
- Die Batterie stellt den Druck bereit
- Die Verbraucher „nutzen“ ihn
Wichtig: Die Spannung wird nicht verbraucht. Sie ist entweder da – oder sie bricht ein.
Wenn Geräte flackern oder neu starten, liegt fast immer ein Spannungsproblem vor.
Strom – das, was wirklich fließt
Der Strom (Ampere) ist das, was durch das Kabel fließt, sobald ein Verbraucher eingeschaltet wird.
Je größer der Verbraucher:
- desto mehr Strom fließt
- desto wärmer wird das Kabel
- desto höher müssen Querschnitt und Absicherung sein
Das ist der Punkt, an dem viele Fehler entstehen:
Nicht die Spannung ist gefährlich – der Strom ist es.
Leistung – warum „kleine“ Verbraucher große Wirkung haben
Die Leistung ergibt sich aus:
Spannung × Strom
Ein Beispiel:
- Ein 60-Watt-Verbraucher an 12 Volt benötigt rund 5 Ampere
- Ein Kühlschrank kann schnell 8–10 Ampere ziehen
- Eine elektrische Winsch noch deutlich mehr
An 12 Volt sind das ernste Ströme, selbst bei moderater Leistung.
Der unsichtbare Gegner: Widerstand
Jedes Kabel, jede Klemme, jede Steckverbindung erzeugt Widerstand.
Widerstand bedeutet:
- Spannungsabfall
- Wärme
- Leistungsverlust
Besonders kritisch sind:
- zu dünne Kabel
- lange Leitungen (z. B. Masttop)
- korrodierte Verbindungen
- verzinnte Adern
Viele „mysteriöse“ Elektrikprobleme sind in Wahrheit schlichte Widerstandsprobleme.
Warum Kabelquerschnitt so entscheidend ist
Ein dickeres Kabel bedeutet:
- weniger Widerstand
- weniger Spannungsabfall
- weniger Wärme
Der Fehler passiert oft hier:
„Der Verbraucher braucht doch nur wenig Strom.“
Entscheidend ist nicht nur der Verbraucher, sondern:
- Leitungslänge (Hin- und Rückweg!)
- Dauerlast oder Kurzzeitbetrieb
- Umgebung (Bündel, Temperatur)
Im Zweifel gilt an Bord fast immer:
Lieber eine Nummer größer.
Sicherungen – Schutz für das Kabel, nicht für das Gerät
Ein ganz zentraler Punkt:
Sicherungen schützen Leitungen, nicht Verbraucher.
Das bedeutet:
- Die Sicherung wird nach dem Kabelquerschnitt gewählt
- Nicht nach der Leistungsaufnahme des Geräts
Wenn eine Sicherung „zu klein“ wirkt, ist oft nicht die Sicherung falsch – sondern das Kabel.
Warum Sicherungen möglichst nah an die Batterie gehören
Zwischen Batterie und Sicherung ist ein Kabel ungeschützt.
Kommt es dort zu:
- Scheuern
- Kurzschluss
- Beschädigung
kann es sehr schnell kritisch werden.
Deshalb:
- Hauptsicherung so nah wie möglich an der Batterie
- danach gestaffelte Absicherung für einzelne Stromkreise
Typische Denkfehler – und warum sie gefährlich sind
- „Das hat vorher auch funktioniert“
- „Die Sicherung fliegt immer raus, ich nehme eine größere“
- „Das Kabel ist nur kurz, das passt schon“
Diese Sätze sind Warnsignale.
Elektrik verzeiht wenig – aber sie folgt immer festen Regeln.
Was du aus diesem Artikel mitnehmen solltest: Du musst keine Werte auswendig lernen.
Aber du solltest verstehen:
- Strom erzeugt Wärme
- Widerstand entsteht überall
- Kabelquerschnitt ist Sicherheit
- Sicherungen schützen Leitungen
Mit diesem Verständnis wird Bordelektrik berechenbar.
Ausblick
Im nächsten Artikel gehen wir einen Schritt weiter und schauen uns an, wie man die eigene Bordelektrik strukturiert erfasst, bevor auch nur ein Kabel gelöst wird.
Denn gute Elektrik beginnt nicht mit Werkzeug – sondern mit Überblick.
