Immer nach oben abgesichert

Sicherheit an Deck mit einem kletter-inspirierten Sorgleinen-System

Sicherheit an Deck ist kein Luxus – sie entscheidet, ob ein kleiner Ausrutscher glimpflich endet oder dramatisch wird. Wer bei Wind, Welle und Lage nach vorne muss, begibt sich automatisch in eine potenziell kritische Situation. Für Einhandsegler gilt das umso mehr: Es gibt niemanden, der eingreift, wenn etwas passiert.

Ein System, das sofort „nach oben“ absichert, verändert genau diese Ausgangslage.

Inspiration und viele Details stammen aus einem Video von Uwe (Swålins Reisen):

👉 Sailing: Safety on deck – Updated security upwards
https://www.youtube.com/watch?v=L-1iy7pgVyg

Das Grundprinzip habe ich aufgegriffen und bewusst in zwei Varianten (erstens „Uwe“, zweitens „Alfred“) umgesetzt – mit dem Ziel, sie in der Praxis zu testen und mich später auf ein bewährtes Prinzip festzulegen.


Das Grundprinzip: Der Zug kommt von oben

Klassische Strecktauen verlaufen auf Deckshöhe. Sie verhindern häufig das vollständige Über-Bord-Gehen – aber der Zugpunkt liegt niedrig. Gerät man dennoch außenbords, kann der Körper ins Wasser gedrückt werden.

Dieses System nutzt einen hohen Anschlagpunkt:

Die Sorgleine wird über die erste Saling geführt und verbindet den Segler direkt mit dem Rigg.

Das bewirkt:

  • Der Zug wirkt nach oben statt nach unten
  • Der Körper wird eher aufgerichtet
  • Die Wahrscheinlichkeit, unter Wasser gedrückt zu werden, sinkt
  • Eine Bergung wird erleichtert

Doch entscheidend ist:

Das System soll keinen Sturz auffangen – sondern ihn verhindern.


Prävention statt Fangstoß

Dieses Konzept ist kein zertifiziertes Auffangsystem.
Es lebt davon, dass:

  • die Sicherung extrem kurz gehalten wird
  • permanent nachgeführt wird
  • kein Slack (ungewolltes Durchhang in der Sicherungsleine) entsteht

Solange die Verbindung kurz ist, entsteht kein Fallweg.
Ohne Fallweg gibt es keinen Fangstoß.

Das System wirkt als Bewegungsbegrenzer.


Zwei Seiten – ein Ziel, unterschiedliche Werkzeuge

Ich habe bewusst zwei technische Varianten umgesetzt:

Backbord → Prusik-System
Steuerbord → GRIGRI mit integrierter Talje

Beide verfolgen dasselbe primäre Ziel:

Über Bord gehen verhindern – durch aktiv kurze Sicherung.


Backbord: Prävention mit Prusikknoten

Auf dieser Seite läuft ein 9,7 mm dynamisches Kletterseil von der ersten Saling nach unten.

Darauf sitzt:

  • eine 6 mm Reepschnur als Prusikknoten
  • ein robuster Einhandkarabiner

Der Prusik blockiert unter Last sofort.
Ohne Last lässt er sich verschieben.

Praxis:

  • Beim Verlassen des Cockpits einklinken
  • Knoten auf minimalen Abstand einstellen
  • Bei jeder Bewegung aktiv nachführen

Das System ist mechanisch simpel, robust und salzwasserunempfindlich.
Es zwingt zu Disziplin – und genau das ist seine Stärke.


Steuerbord: Prävention mit GRIGRI und Talje

Auch hier steht die Prävention im Vordergrund.

Das GRIGRI erlaubt:

  • kontrolliertes Dichtholen
  • Blockieren unter Last
  • dosiertes Freigeben

Die Sicherung kann aktiv unter leichter Spannung gehalten werden.
Kein Slack – kein Fallweg.

Doch zusätzlich ist hier eine Talje integriert.


Die integrierte Talje – Selbstbergung möglich

Auf der GRIGRI-Seite entsteht durch die Umlenkung eine mechanische Übersetzung (z. B. 2:1 oder 3:1).

Das bedeutet:

  • Die Bedienleine kann unter Last durchgesetzt werden
  • Kraft wird übersetzt
  • Die gesicherte Person kann sich eigenständig nach oben ziehen

Das eröffnet zwei Szenarien:

1️⃣ Zweite Person an Bord

Eine zweite Person kann:

  • das Spi-Fall oder die Dirk
  • in einen Karabiner oder ein Auge einklinken
  • über die Winsch anheben

2️⃣ Einhand – Selbstbergung

Wenn ich allein an Bord bin, kann ich:

  • über die Bedienleine der Talje
  • mich selbst Stück für Stück nach oben ziehen

Gerade für Einhandsegler ist das ein enormer Vorteil.

Es ist kein vollständiges Rettungssystem –
aber es ist eine realistische Option mit Bordmitteln.


Warum ein dynamisches Seil?

Empfohlen wird ein 9,7 mm Einfachseil (z. B. Mammut Zopa 9.7).

Vorteile:

  • Hohe Bruchlast
  • Dynamische Dehnung
  • Kompatibel mit GRIGRI und Prusik
  • Gute Handhabung

Die Dehnung reduziert Lastspitzen bei ruckartiger Belastung.


Installation in Kurzform

  1. Seil über die erste Saling führen
  2. Beidseitig sauber nach unten führen
  3. Prusik oder GRIGRI mit Talje integrieren
  4. Karabiner an Rettungsweste einhängen
  5. Bewegungsabläufe im Hafen üben

Und immer:

Sicherung aktiv kurz halten.


Mein Plan: Beide Varianten testen

Ich werde zunächst beide Systeme parallel nutzen:

Backbord → Prusik
Steuerbord → GRIGRI mit Talje

So kann ich vergleichen:

  • Welche Variante sich ergonomisch bewährt
  • Welche mich stärker zur aktiven Nachführung zwingt
  • Wie sich beide Systeme im Seegang verhalten
  • Wie praktikabel die Selbstbergung tatsächlich ist

Langfristig werde ich mich jedoch auf ein grundsätzliches Prinzip festlegen – abhängig davon, welches System sich im realen Einsatz bewährt.

Es geht nicht um Technikspielerei.
Es geht um praxisorientierte Sicherheit.


Fazit

Das „Absichern nach oben“ ist kein Gadget. Es ist eine Haltung.

Es verschiebt den Zugpunkt nach oben.
Es reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Über-Bord-Gehens.
Es ermöglicht im Ernstfall eine Bergung – sogar eigenständig.

Für Einhandsegler bedeutet das:

Mehr Kontrolle.
Mehr Handlungsfähigkeit.
Mehr Sicherheit.

Und am Ende bleibt es einfach:

Kurz sichern.
Aktiv nachführen.
Kein Slack.

Nicht das Gerät macht dich sicher.
Sondern die bewusste Anwendung.

Immer nach oben abgesichert (final)

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