Wie du mit moderatem Budget ein technisch voll ausgestattetes Boot aufbaust
Wer heute ein Boot technisch modern ausrüsten möchte, landet schnell bei hohen Summen. Plotter, Multifunktionsdisplays, AIS, Bord-WLAN, Kameras, Autopilot-Anbindung, Energieüberwachung und Fernzugriff summieren sich rasch auf mehrere tausend Euro. Das Grundproblem ist dabei nicht, dass die Geräte schlecht wären. Viele Lösungen der großen Hersteller sind gut, robust und für den Marinebereich gemacht. Das eigentliche Problem ist, dass man für viele Funktionen sehr viel Geld bezahlt, obwohl die zugrunde liegende Technik oft erstaunlich einfach ist.
Genau hier beginnt ein anderer Ansatz. Statt ein Boot aus vielen teuren, abgeschlossenen Einzelgeräten aufzubauen, kann man es als zusammenhängendes System denken. Nicht der einzelne Plotter steht dann im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Daten an Bord entstehen, wie sie verteilt werden und wie sie auf verschiedenen Geräten sichtbar gemacht werden können. Aus dieser Perspektive entsteht ein ganz anderes Bild: Das Boot bekommt eine technische Architektur, ein digitales Nervensystem und eine zentrale Logik. Und plötzlich wird vieles deutlich günstiger, flexibler und erweiterbarer.
Dieses Konzept ist kein reines Bastelprojekt. Es ist ein strategischer Weg, mit moderaten Kosten ein Boot aufzubauen, das funktional sehr weit kommt: Navigation, AIS, Internet, Energieüberwachung, Kameras, virtuelle Schaltflächen, Sensorik, Autopilot-Anbindung und mobile Bedienung lassen sich zu einem Gesamtsystem verbinden. Die Grundlage dafür sind günstige Standardkomponenten, offene Software und eine saubere Struktur.
Der entscheidende Perspektivwechsel: Nicht Geräte kaufen, sondern ein System aufbauen
Klassische Bordelektronik wird meist in Geräten gedacht. Man kauft einen Plotter, ein AIS-Gerät, ein Display, vielleicht noch ein Autopilot-Terminal und zusätzliche Sensoren. Jedes Gerät bringt seine eigene Logik, seine eigene Benutzeroberfläche und oft auch seine eigenen Einschränkungen mit. In so einer Welt ist Integration teuer. Jedes neue Gerät kostet Geld, braucht Platz, Kabel, Strom und oft teure Schnittstellen.
Das Low-Cost-Konzept dreht diese Logik um. Hier steht nicht das Einzelgerät im Mittelpunkt, sondern das Gesamtsystem. Die zentrale Frage lautet nicht: Welchen Plotter kaufe ich? Sondern: Wo entstehen meine Daten, wie sammle ich sie, wie verteile ich sie und worauf möchte ich sie sehen?
Aus dieser Sicht gibt es an Bord vier Ebenen. Erst wenn diese sauber verstanden und aufgebaut sind, entsteht ein wirklich schlüssiges Smart-Boat-Konzept.
Die erste Ebene: Geräte und Sensoren als Datenquellen
Auf der untersten Ebene befinden sich alle Geräte, die Informationen erzeugen oder aufnehmen. Das sind zunächst die klassischen maritimen Komponenten: GPS, AIS, Windinstrumente, Echolot, Tiefenanzeige, Logge, Kompass, Autopilot, Batteriemonitor, Ladegeräte, Solaranlagen und ähnliche Systeme. Hinzu kommen moderne Erweiterungen wie Kameras, Bilgensensoren, Türkontakte, Bewegungsmelder oder zusätzliche Energie- und Umweltsensoren.
Viele Boote besitzen bereits einen großen Teil dieser Technik. Oft ist sie nur nicht miteinander verbunden. Gerade ältere Boote haben eine gewachsene Landschaft aus Geräten verschiedener Generationen. Manche liefern bereits wertvolle Daten, aber nur auf einem kleinen lokalen Display. Andere könnten weiterhin genutzt werden, wenn man sie sinnvoll integrieren würde. Genau deshalb ist es falsch, ein Low-Cost-Smart-Boot als kompletten Neubeginn zu verstehen. In vielen Fällen geht es nicht darum, alles zu ersetzen, sondern Vorhandenes in eine modernere Struktur einzubinden.
Besonders wichtig ist dabei der Standard NMEA 0183. Er spielt bei älteren und auch vielen heute noch genutzten Geräten eine zentrale Rolle. GPS-Empfänger, AIS-Geräte, ältere Plotter, Windanzeigen und Autopiloten arbeiten häufig mit NMEA 0183. Wer diesen Standard versteht, kann sehr viel vorhandene Technik retten, weiterverwenden und aufwerten.
Warum NMEA 0183 so wichtig ist
NMEA 0183 ist ein alter, serieller Kommunikationsstandard aus der maritimen Welt. Technisch ist er einfach, aber genau das ist sein Vorteil. Er überträgt strukturierte ASCII-Daten, also Klartext-Nachrichten, die Geräte relativ leicht senden und empfangen können. Typische Daten sind Positionsinformationen, Kurs, Geschwindigkeit, Windwerte, AIS-Sätze oder Tiefeninformationen.
Praktisch bedeutet das: Wenn ein Gerät NMEA 0183 ausgibt, dann hat es bereits einen Weg, seine Informationen nach außen zu tragen. Diese Daten müssen nur an die richtige Stelle gebracht werden. Häufig scheitert moderne Integration nicht daran, dass ein Gerät zu alt ist, sondern nur daran, dass seine Daten nicht im Netzwerk verfügbar sind.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Übertragungsgeschwindigkeit. Klassisches NMEA 0183 läuft meist mit 4800 Baud, AIS-Daten üblicherweise mit 38400 Baud. Diese Unterscheidung ist für spätere Integrationen entscheidend. Wer sie ignoriert, bekommt keine sinnvollen Daten. Wer sie berücksichtigt, kann erstaunlich einfach arbeiten.
NMEA 0183 ist damit der Schlüssel, um ältere Technik in eine moderne Architektur zu holen. Statt Geräte wegzuwerfen, werden ihre Daten nutzbar gemacht. Genau darin liegt einer der größten Kostenvorteile dieses Ansatzes.
Die zweite Ebene: Das zentrale Gehirn des Bootes
Wenn Sensoren und Geräte die Datenquellen sind, braucht das Boot eine zentrale Stelle, an der diese Daten zusammenlaufen. Genau hier kommt der Raspberry Pi ins Spiel. Er ist in diesem Gesamtkonzept das technische Herzstück.
Der Raspberry Pi ist nicht einfach nur ein kleiner Computer, sondern die Plattform, auf der aus vielen einzelnen Signalen ein vernetztes System wird. Er sammelt Daten aus verschiedenen Quellen, stellt sie einheitlich bereit, kann sie verarbeiten, visualisieren, weiterverteilen und sogar für Automatisierungen nutzen. Dadurch wird er zum Bordserver, zur Integrationszentrale und zur technischen Intelligenz des Systems.
Auf dem Raspberry Pi läuft idealerweise OpenPlotter als maritim orientierte Basis. Darauf aufbauend spielen vor allem drei Softwarekomponenten eine zentrale Rolle: SignalK, Node-RED und OpenCPN.
OpenPlotter als Fundament
OpenPlotter ist eine Linux-basierte Plattform für den Raspberry Pi, die speziell für den Einsatz auf Booten gedacht ist. Sie bringt viele Werkzeuge bereits mit oder erleichtert deren Installation erheblich. Das macht sie zur idealen Basis für ein DIY-Smart-Boot. Der große Vorteil liegt nicht nur in den Funktionen, sondern darin, dass viele typische Aufgaben dort bereits vorgedacht sind: serielle Schnittstellen, NMEA-Anbindung, Plugins, SignalK, OpenCPN und verschiedene nautische Dienste.
SignalK als moderner Datenserver
Während NMEA 0183 historisch seriell und punktuell gedacht ist, bringt SignalK die Borddaten ins Netzwerkzeitalter. SignalK ist der moderne Datenstandard im System. Alle Informationen, egal ob aus GPS, AIS, NMEA 0183, Modbus oder anderen Quellen, können zentral gesammelt, vereinheitlicht und als strukturierte Daten im Netzwerk bereitgestellt werden.
Der große Vorteil: Nicht mehr jedes Gerät spricht direkt mit jedem anderen, sondern alle Daten laufen zentral zusammen und können dann von beliebigen Clients genutzt werden. Ein Tablet, ein Android-Display, ein Autoradio, OpenCPN oder ein Dashboard greifen dann einfach auf denselben Datenpool zu.
Node-RED für Logik und Automatisierung
Wenn SignalK die Datenbasis ist, dann ist Node-RED die Ebene für Logik, Automatisierung und Visualisierung. Node-RED ermöglicht es, Datenflüsse grafisch zu verarbeiten. Damit lassen sich Alarmierungen, Dashboards, virtuelle Schalter, Zustandsanzeigen und einfache Automationslogiken bauen.
Praktische Beispiele sind zahlreich. Ein Bilgensensor kann einen Alarm auf das Smartphone senden. Ein Batteriemonitor kann den Ladezustand visualisieren. Ein Relais kann per virtuellem Schalter geschaltet werden. Kamerabilder, Energieverbrauch, Tankstände oder Solarleistung können in eigenen Oberflächen zusammengefasst werden. Genau dadurch wächst aus einem Navigationssystem ein echtes digitales Bootsmanagement.
OpenCPN für Navigation
Neben der Infrastruktur bleibt Navigation natürlich ein zentrales Thema. OpenCPN ist dafür eine der wichtigsten offenen Lösungen. Auf dem Raspberry oder auf Android-Displays kann OpenCPN Karten darstellen, AIS-Ziele anzeigen, Routen verwalten und Navigationsdaten einbinden. Wer lieber mit Navionics oder anderen Apps arbeitet, kann das ebenfalls tun. Entscheidend ist: Die zentrale Datenlogik bleibt davon unabhängig.
Die dritte Ebene: Das Bordnetzwerk als Nervensystem
Ein Smart Boat funktioniert nur dann wirklich als System, wenn die Daten zwischen den Komponenten fließen können. Diese Aufgabe übernimmt die Netzwerkebene. Am einfachsten und flexibelsten geschieht das über WLAN.
WLAN ist das Nervensystem des Low-Cost-Boots. Es verbindet zentrale Logik, Displays, Tablets, Telefone, Kameras und Internetzugang. Der große Vorteil ist offensichtlich: Es müssen nicht überall Datenkabel gezogen werden. Gerade auf Booten ist das ein enormer praktischer Gewinn. Kabelwege sind eng, Zugänge mühsam, Durchführungen aufwendig. Jede Verbindung, die sinnvoll kabellos hergestellt werden kann, spart Arbeit, Kosten und oft auch Frust.
Das Bord-WLAN kann in einer einfachen Ausbaustufe direkt vom Raspberry Pi bereitgestellt werden. Für kleine Systeme reicht das aus. Komfortabler wird es mit einem eigenen WLAN-Router oder – wenn Internet an Bord gewünscht ist – mit einem 4G-Router.
Internet an Bord als Teil des Systems
Viele denken bei Internet an Bord zuerst an Komfort: Streaming, Mails oder Wetterberichte. Im Gesamtkonzept spielt Internet aber noch eine zweite Rolle. Es macht das Boot von außen erreichbar. Damit werden Fernüberwachung, Remote-Zugriff, Alarme und Synchronisierung überhaupt erst sinnvoll.
Eine sehr kosteneffiziente Lösung ist ein Outdoor-4G-Router, der außen am Boot montiert wird. Der Vorteil liegt in der Antennenposition. Außen und möglichst hoch montiert empfängt ein Router Mobilfunk deutlich besser als ein Smartphone im Innenraum. Für Küstenfahrt und normale Reviere reicht 4G oft völlig aus und ist in der Praxis auf See häufig sogar sinnvoller als 5G, weil die Reichweite größer ist.
Mit so einem Router lässt sich das Bord-WLAN um Internet ergänzen. Kameras, Raspberry, Tablets und andere Komponenten nutzen dann dasselbe Netzwerk. Das Boot wird damit nicht nur intern vernetzt, sondern auch extern erreichbar. Die monatlichen Kosten lassen sich moderat halten, wenn man zwischen kleinem Überwachungs-Tarif und echter Datenflatrate unterscheidet.
Die vierte Ebene: Displays und Bedienstellen
Ein besonders wichtiger Gedanke dieses Konzepts ist die Trennung von Logik und Anzeige. In klassischen Systemen ist der Plotter oft zugleich Rechenzentrum, Darstellung und Bediengerät. In der Low-Cost-Architektur ist das anders. Der Raspberry sammelt und verteilt Daten. Die Displays sind nur noch Endpunkte.
Das hat enorme Vorteile. Es können beliebig viele Anzeigeformen genutzt werden. Ein Tablet im Cockpit, ein Smartphone als Backup, ein TV im Innenraum, ein Android-Motorraddisplay außen, ein günstiges Android-Autoradio innen oder sogar ein vorhandener Monitor können gleichzeitig auf dieselben Daten zugreifen.
Dadurch wird Technik modular. Fällt ein Display aus, bleibt das System erhalten. Möchte man eine zusätzliche Anzeige an einem anderen Ort, muss man nicht das ganze Setup neu aufbauen. Man fügt einfach ein weiteres Terminal hinzu.
Android als günstige Plattform für Displays
Ein großer Teil des Low-Cost-Potenzials entsteht durch Android-Geräte. Ob Tablet, Motorrad-Display oder Android-Autoradio: Diese Geräte sind vor allem deshalb interessant, weil sie offen und flexibel sind. Genau hier spielt der Google Play Store eine zentrale Rolle.
Ein Android-Gerät mit Play Store ist kein festgelegtes Einzelgerät, sondern eine Plattform. Es kann mit Navigations-Apps wie Navionics oder OpenCPN ausgestattet werden, mit Kamera-Apps, Dashboards, VNC-Clients, Node-RED-Oberflächen, Instrumentenanzeigen und vielen anderen Anwendungen. Ohne Play Store oder mit stark eingeschränkten Android-Auto-/CarPlay-Geräten fehlt dieser Mehrwert weitgehend.
Deshalb ist bei jeder Android-Lösung entscheidend, dass sie ein echtes, offenes Android bietet und nicht nur ein geschlossenes Begleitdisplay für ein Smartphone ist.
Das Autoradio als Innen-Plotter
Eine besonders reizvolle Low-Cost-Lösung ist ein günstiges 7-Zoll-Android-Autoradio im DIN-Format. Solche Geräte bringen Touchscreen, GPS, WLAN, Bluetooth und Android mit. Für den Inneneinbau auf einem Boot sind sie hochinteressant, weil sie Navigation, Multimedia, Kameraanzeige und Dashboard-Funktionen in einem Gerät vereinen können.
Sie sind nicht wasserdicht und nicht für einen ungeschützten Außenplatz gedacht. Im Innenraum sind sie jedoch ein erstaunlich starker Ersatz für deutlich teurere Plotter. Durch Apps, VNC, Navionics, OpenCPN und Node-RED werden sie zu vollwertigen Anzeige- und Bedienstellen. Gleichzeitig bleiben sie Radio und Medienzentrale.
Worauf man dabei achten muss, ist klar: echtes Android, Play Store, ausreichende Speicher- und RAM-Ausstattung, idealerweise mindestens 2 GB RAM und 32 GB Speicher.
Das Motorrad-Display als Außendisplay
Für den Außenbereich ist ein günstiges Android-Motorradnavigationsgerät besonders interessant. Diese Geräte sind für Sonne, Regen, Vibration und Handschuhbedienung gebaut. Genau deshalb eignen sie sich sehr gut als Low-Cost-Außendisplay für ein Boot. Mit Android, GPS, WLAN und Play Store lassen sich daraus Plotter, Multifunktionsdisplays oder sogar Regatta-Anzeigen am Mast bauen.
In Verbindung mit dem Bord-WLAN und dem Raspberry können solche Displays nicht nur Karten zeigen, sondern auch NMEA-Daten, große Zahlen, Kamerabilder oder andere Dashboards.
Wie man NMEA 0183 technisch integriert
Der Nutzer hat explizit gefragt, wie Technik auf Grundlage NMEA 0183 integriert wird. Das ist einer der wichtigsten praktischen Teile des Gesamtkonzepts.
Grundsätzlich gibt es drei Wege.
Direkte Integration per USB-Seriell-Adapter
Der einfachste klassische Weg ist, ein NMEA-0183-Gerät direkt mit einem USB-Seriell-Adapter an den Raspberry anzuschließen. Das ist stabil und unkompliziert, erfordert aber ein Kabel. Für Geräte in unmittelbarer Nähe des Raspberry ist das oft eine sehr gute Lösung. Gerade wenn ein Gerät ohnehin im selben Technikbereich sitzt, ist der direkte Kabelweg völlig in Ordnung.
Serielle Daten per WLAN mit dem Elfin EW10
Der spannendere Weg ist die Nutzung eines kleinen seriell-zu-WLAN-Konverters wie dem Elfin EW10. Dieses Gerät kann serielle Daten von NMEA-0183-Geräten ins WLAN bringen oder umgekehrt Daten aus dem WLAN auf einen seriellen NMEA-Eingang ausgeben.
Damit lassen sich mehrere typische Aufgaben lösen. Ein AIS-Gerät kann seine Daten kabellos an ein Tablet oder an den Raspberry schicken. Ein alter Plotter, ein Windinstrument oder ein GPS-Sender kann ins Bordnetz integriert werden. Ein Autopilot kann Daten vom Raspberry bekommen, ohne dass ein neues Kabel quer durchs Boot gezogen werden muss.
Entscheidend ist dabei, die seriellen Anschlüsse korrekt zuzuordnen und die Baudrate passend einzustellen. AIS meist 38400 Baud, klassische Geräte oft 4800 Baud. Der Elfin kann entweder ein eigenes WLAN aufspannen oder sich als Client ins vorhandene Bord-WLAN einloggen. In einem ausgereiften System ist die zweite Variante meist sauberer, weil alle Geräte dann im selben Netzwerk arbeiten.
NMEA 0183 als Brücke in beide Richtungen
Wichtig ist, NMEA 0183 nicht nur als Ausgang älterer Geräte zu betrachten. Die Integration funktioniert in beide Richtungen. Der Raspberry kann Daten empfangen, aber auch wieder ausgeben. Das ist besonders für Autopiloten relevant. So können beispielsweise Daten aus SignalK über einen WLAN-Adapter auf einen NMEA-0183-Eingang des Autopiloten gegeben werden. Das spart Kabel und erweitert die Funktionalität vorhandener Systeme erheblich.
Der Autopilot als Teil des Gesamtsystems
Ein Smart Boat endet nicht bei Karten und Dashboards. Ein spannender Baustein ist die Integration des Autopiloten. Hier gibt es zwei Ebenen. Zum einen kann der Autopilot über NMEA-Daten besser versorgt und ins Gesamtsystem eingebunden werden. Zum anderen lassen sich bei bestimmten älteren Systemen sogar sehr günstige Fernbedienungen selbst bauen.
Besonders für ältere Simrad-, B&G- oder Robertson-Autopiloten mit R3000X-Eingang zeigt sich, dass einfache Kontaktfunktionen mit Relais sehr preiswert nachgebaut werden können. Eine Funkfernbedienung, die Hersteller teuer verkaufen, lässt sich mit Relaisbox, Dioden und Fernbedienung für einen Bruchteil des Preises umsetzen. Das zeigt sehr gut die Grundphilosophie des gesamten Konzepts: Marine-spezifische Lösungen sind oft nicht technisch kompliziert, sondern nur teuer verpackt.
Energie, Kameras und Sicherheit als natürliche Erweiterung
Sobald der Raspberry und das Bordnetz stehen, lässt sich das System weit über Navigation hinaus ausbauen. Genau hier entsteht der echte Mehrwert eines ganzheitlichen Low-Cost-Konzepts.
Energieüberwachung
Batteriemonitore, Solarregler und Ladezustände können erfasst und visualisiert werden. Mit Node-RED und geeigneten Eingängen entstehen individuelle Energie-Dashboards, die oft mehr Informationen liefern als einzelne Spezialdisplays. Auch günstige Modbus-Geräte aus dem Industriebereich lassen sich mit etwas Know-how integrieren.
Kameras
IP-Kameras im Innenraum, Motorraum oder Cockpit können direkt ins Bordnetz eingebunden werden. Android-Displays, Tablets oder das Autoradio können die Bilder anzeigen. In Verbindung mit Internetzugang ist auch Fernüberwachung möglich.
Sicherheits- und Zustandsüberwachung
Bilgenalarm, Türkontakte, Bewegungsmelder oder andere Sensoren können mit dem Raspberry kombiniert werden. Damit wird das Boot nicht nur komfortabler, sondern auch sicherer. Alarme können lokal oder über Internet gemeldet werden. Zustände werden sichtbar, auch wenn niemand an Bord ist.
Modbus und Industriehardware als Kostenhebel
Ein besonders interessanter Gedanke hinter dem Low-Cost-Ansatz ist der Blick außerhalb der Marinewelt. Viele Protokolle an Bord haben industrielle oder automotive Verwandte. NMEA 0183 lehnt sich an serielle Industriestandards an, NMEA 2000 ist im Kern CAN-Bus. Deshalb lohnt es sich, auch außerhalb des Marine-Markts nach Sensoren und Komponenten zu schauen.
Günstige Modbus-Sensoren, Batteriemonitore oder Wetterstationen können mit seriellen Adaptern oder passenden Schnittstellen in den Raspberry eingebunden werden. Das ist kein Plug-and-Play-Marinekomfort, aber es eröffnet enorme Sparpotenziale. Wer bereit ist, sich etwas tiefer mit Integration zu beschäftigen, kann damit Funktionen aufbauen, die im Marinebereich sonst unverhältnismäßig teuer wären.
Wie man in der Praxis vorgehen sollte
Der häufigste Fehler bei so einem Projekt ist, zu viel auf einmal zu wollen. Ein ganzheitliches Konzept bedeutet nicht, alles sofort umzusetzen. Es bedeutet, von Anfang an eine gute Architektur zu haben und dann in sinnvollen Schritten auszubauen.
Der beste Start ist fast immer der Raspberry mit OpenPlotter und einem kleinen Bord-WLAN. Dann folgt die Navigationsbasis mit GPS und Karten. Danach AIS. Anschließend die Integration vorhandener NMEA-0183-Geräte. Erst dann wird Internet, Kamera, Energie und Automatisierung wirklich sinnvoll.
Das System sollte wachsen dürfen. Jede neue Komponente muss sich in die vorhandene Architektur einfügen. Genau dadurch bleibt die Technik beherrschbar.
Warum dieses Konzept wirtschaftlich so stark ist
Der vielleicht größte Vorteil des Low-Cost-Smart-Boat-Ansatzes ist, dass er Investitionen in eine Richtung lenkt, die dauerhaft nützlich ist. Statt viel Geld in einzelne geschlossene Geräte zu stecken, investiert man in eine Plattform. Ein Raspberry, ein Bord-WLAN, saubere Stromversorgung, ein paar gute Adapter und flexible Displays schaffen eine Basis, auf der vieles später aufbauen kann.
Dadurch entsteht auch wirtschaftlich ein besseres Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen. Mit einigen hundert Euro kann bereits ein System aufgebaut werden, das Navigation, AIS, Displayverteilung, Kameras und Grundüberwachung ermöglicht. Wer später erweitert, ergänzt Komponenten, statt wieder von vorn anzufangen.
Fazit: Das Boot als technische Plattform
Das eigentliche Ziel dieses Konzepts ist nicht, möglichst billig zu sein. Es ist, technisch klug zu investieren. Ein Boot wird dadurch nicht zu einer Ansammlung von Elektronik, sondern zu einer Plattform, auf der Daten entstehen, verarbeitet, verteilt und sichtbar gemacht werden.
Der Raspberry übernimmt dabei die Rolle des Gehirns. WLAN wird zum Nervensystem. NMEA 0183 bleibt die Sprache vieler vorhandener Geräte. Android-Displays und Tablets werden zu Fenstern ins System. Internet erweitert das Ganze nach außen. Node-RED, SignalK und OpenCPN geben dem Ganzen Struktur, Logik und Sichtbarkeit.
Wer so vorgeht, bekommt mit moderaten Kosten kein Bastelchaos, sondern ein erstaunlich leistungsfähiges, vollwertig ausgerüstetes Boot. Nicht weil jedes Einzelgerät billig ist, sondern weil alles zusammen als System gedacht wird.
Übersicht: Was für ein vollwertiges Low-Cost-Smart-Boot benötigt wird
Zentrale Hardware
- Raspberry Pi 4 oder 5
- passendes Netzteil bzw. saubere 12V-auf-5V-Versorgung
- microSD-Karte, idealerweise 32 GB oder mehr
- Gehäuse, ggf. mit Kühlung
- optional USB-Hub bei vielen Zusatzgeräten
Zentrale Software
- OpenPlotter
- SignalK
- Node-RED
- OpenCPN
Netzwerk und Internet
- Bord-WLAN über Raspberry oder separaten WLAN-Router
- optional 4G-Outdoor-Router für Internetzugang
- SIM-Karte mit passendem Datentarif
- Ethernet-Verkabelung dort, wo sinnvoll
Navigation und Positionsdaten
- USB-GPS oder integriertes GPS in einem Display
- Navigationssoftware wie Navionics oder OpenCPN
- Seekarten, frei oder kostenpflichtig
AIS
- vorhandener AIS-Transponder oder AIS-Empfänger
- alternativ günstiger SDR-/RTL2832U-Stick als AIS-Empfänger
- passende Antenne oder Einbindung in vorhandene Antennenlösung
NMEA-0183-Integration
- vorhandene NMEA-0183-Geräte wie GPS, Wind, AIS, Plotter, Autopilot
- USB-Seriell-Adapter für direkte Verbindungen
- Elfin EW10 oder ähnliche seriell-zu-WLAN-Adapter für kabellose Integration
- ggf. Pegelwandler oder passende Adapter je nach Gerät
Displays und Bedienstellen
- vorhandenes Tablet oder Smartphone
- optional Android-Autoradio für den Innenraum
- optional Android-Motorraddisplay für Außenbereich oder Mast
- optional TV/Monitor als zusätzliche Anzeige
Kameras und Überwachung
- IP-Kameras für Innenraum, Motorraum oder Cockpit
- Apps zur Kameraanzeige auf Android oder anderen Clients
- Sensoren für Bilge, Türen oder Zustände
Energie und Automatisierung
- Batteriemonitor
- Solardaten / Ladegeräte / Shunts
- Node-RED-Dashboards
- optionale Relais oder Schaltmodule
- ggf. Modbus-Sensoren oder andere günstige Industriekomponenten
Autopilot und Fernbedienung
- vorhandener Autopilot
- NMEA-Anbindung an Raspberry oder SignalK
- ggf. DIY-Funkfernbedienung bei unterstützten älteren Systemen
- optionale WLAN-zu-NMEA- oder WLAN-zu-Funk-Lösungen
Praktische Grundausstattung für den Start
Wenn du nicht alles auf einmal umsetzen willst, reicht für einen sehr guten Einstieg schon diese Kombination:
- Raspberry Pi mit OpenPlotter
- WLAN an Bord
- GPS
- OpenCPN oder Navionics
- AIS-Quelle
- ein Tablet oder Android-Display
- mindestens ein serieller Adapter für NMEA 0183
Damit steht bereits das Grundgerüst eines modernen, ausbaufähigen Smart Boats. Alles Weitere baut dann logisch darauf auf.
