Wer mit dem Segelboot im Hafen manövriert, kennt die Situation: Das Heck macht plötzlich „sein eigenes Ding“ – trotz Ruder mitten. Ursache dafür ist der Radeffekt (engl. Prop Walk). Gerade beim Rückwärtsfahren spielt er eine entscheidende Rolle und lässt sich entweder als Störfaktor erleben – oder gezielt nutzen.

Was ist der Radeffekt?

Der Radeffekt beschreibt den seitlichen Versatz des Hecks, der durch die Drehrichtung der Schiffsschraube entsteht. Er tritt besonders stark auf bei:

  • langsamer Fahrt
  • Rückwärtsfahrt
  • An- und Ablegemanövern
  • wenig Ruderwirkung

Wichtig:
👉 Der Radeffekt wirkt unabhängig vom Ruder.

Wie entsteht der Radeffekt?

Eine Schiffsschraube erzeugt nicht nur Vortrieb, sondern auch rotierende Wasserströmungen. Diese treffen beim Rückwärtsfahren direkt auf:

  • den Rumpf
  • das Heck
  • teilweise auf das Ruder

Zusätzlich arbeitet die Schraube asymmetrisch:

  • Der nach unten laufende Propellerflügel greift in dichteres, ungestörtes Wasser
  • Der nach oben laufende Flügel arbeitet näher an der Oberfläche

Das Ergebnis ist eine seitliche Kraft, die das Heck versetzt.

Linksdrehende und rechtsdrehende Schrauben

Linksdrehende Schraube (bei vielen Segelyachten üblich)

Vorwärtsfahrt

  • Radeffekt gering
  • Meist kaum spürbar

Rückwärtsfahrt

  • Heck zieht deutlich nach Backbord
  • Bug schwenkt nach Steuerbord

➡️ Typisch: Beim Rückwärtsfahren läuft das Heck nach links.

Rechtsdrehende Schraube

Vorwärtsfahrt

  • Ebenfalls kaum Radeffekt

Rückwärtsfahrt

  • Heck zieht deutlich nach Steuerbord
  • Bug schwenkt nach Backbord

➡️ Spiegelbildliches Verhalten zur linksdrehenden Schraube.

Warum ist der Radeffekt rückwärts so stark?

Beim Rückwärtsfahren fehlt zunächst die Fahrt durchs Wasser:

  • Das Ruder ist kaum wirksam
  • Die Schraubenströmung trifft direkt auf den Rumpf
  • Der seitliche Schub kann ungehindert wirken

Deshalb dominiert der Radeffekt in dieser Phase das Manöver.

Merksatz für die Praxis

„Im Rückwärtsgang geht das Heck immer in Drehrichtung der Schraube.“

  • Linksdrehend → Heck nach Backbord

  • Rechtsdrehend → Heck nach Steuerbord

Tipps für die Dehler 28 mit Saildrive

Die Dehler 28 ist in der Regel mit einem Saildrive und einer linksdrehenden Schraube ausgestattet. Das hat einige praktische Konsequenzen im Hafen.

Typisches Verhalten

  • Beim Rückwärtsfahren zieht das Heck nach Backbord
  • Der Radeffekt ist deutlich, aber gut kontrollierbar
  • Das Ruder greift erst, wenn etwas Fahrt anliegt

Praktische Manöver-Tipps

1. Rückwärts aus der Box

  • Leerlauf → kurzer Rückwärtsschub
  • Heck wird gezielt nach Backbord gedrückt
  • Danach wieder Leerlauf, Ruder ausrichten
  • Mit kurzen Gasstößen arbeiten

2. Seitliches Einparken

  • Den Radeffekt bewusst einplanen
  • Box so anfahren, dass der Heckversatz hilft statt stört
  • Nicht versuchen, „gegen den Radeffekt anzukämpfen“

3. Kombination aus Radeffekt und Ruder

  • Erst Radeffekt wirken lassen
  • Dann mit Fahrt durchs Wasser das Ruder einsetzen
  • Weniger, aber gezielter Gas geben

Besonderheit Saildrive

Beim Saildrive ist der Radeffekt oft etwas gleichmäßiger, da:

  • die Schraube weiter unter dem Boot sitzt
  • weniger seitliche Abschattung durch den Rumpf entsteht

Trotzdem gilt:
👉 Der Radeffekt ist da – und er ist berechenbar.

Fazit

Der Radeffekt ist kein Nachteil, sondern ein wichtiges Werkzeug beim Hafenmanöver.
Wer ihn versteht und bewusst einsetzt, manövriert:

  • ruhiger
  • präziser
  • sicherer

Gerade bei der Dehler 28 lässt sich der Effekt hervorragend nutzen – vorausgesetzt, man lässt ihn arbeiten und bekämpft ihn nicht reflexartig.

Der Radeffekt beim Segelboot – verstehen, nutzen, beherrschen

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