Sicherheit neu gedacht

Was Segler vom Bergsport lernen können

Inspiriert vom Video von Uwe (Swålins Reisen)

Auf der Boot in Düsseldorf begegnet Uwe vom YouTube-Kanal „Swålins Reisen“ einem Mann, der seine Shark 24 nicht nur segelt, sondern durchdacht hat. Alfred ist Einhandsegler – und seit Jahrzehnten im Bergsport aktiv, unter anderem im Bergrettungsdienst.

Was in dem Video zunächst wie eine Sammlung pfiffiger Bordideen wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als etwas Größeres: eine systematische Übertragung alpiner Sicherheitslogik auf das Segeln.

👉 Das Video dazu:
https://www.youtube.com/watch?v=kxmaW162HXI

Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Denn hier geht es nicht um Gadgets, sondern um Prinzipien.


Der entscheidende Gedanke: Der Zug kommt von oben

Eine der zentralen Ideen betrifft die persönliche Sicherung an Deck. Viele Segler sichern sich entlang des Decks mit einer Lifeline. Das verhindert zwar, vollständig über Bord zu gehen – aber es ändert wenig daran, dass man im Ernstfall im Wasser hängt, möglicherweise sogar unter die Reling gedrückt wird.

Alfred denkt anders. Seine Sicherungsleine führt zur ersten Saling. Der Anschlagpunkt liegt mehrere Meter über Deck.

Der Unterschied ist physikalisch sofort nachvollziehbar:
Zug von oben hebt.
Zug von unten oder seitlich zieht.

Gerade bei Fahrt entsteht bei einem Sturz ein enormer Sog. Ein niedriger Anschlagpunkt kann dazu führen, dass man mit dem Oberkörper ins Wasser gedrückt wird. Ein hoher Anschlagpunkt dagegen erzeugt eine aufrichtende Kraft. Das Risiko, unter das Boot gezogen zu werden, sinkt deutlich.

Doch so ein System ist kein Spielzeug. Die Kräfte, die bei Seegang wirken, sind erheblich. Die Befestigung an der Saling muss strukturell tragfähig sein. Eine einfache Schlaufe um ein beliebiges Bauteil reicht nicht. Wer so etwas umsetzt, sollte sich bewusst sein, dass hier im Zweifel mehrere Kilonewton wirken können.

Zum Einsatz kommt ein halbautomatisches Sicherungsgerät wie das Petzl GRIGRI. Im Bergsport sorgt es dafür, dass das Seil bei Belastung selbstständig blockiert. An Bord bedeutet das: kurze, kontrollierte Sicherungslänge, automatische Arretierung im Fall eines Sturzes – und die Möglichkeit, sich aktiv wieder nach oben zu arbeiten.

Aber auch hier gilt: Das Gerät funktioniert nur mit passenden Seildurchmessern. Glatte Dyneema-Leinen sind ungeeignet. Mechanische Geräte brauchen Mantelreibung, sonst greifen sie nicht zuverlässig. Wer solche Systeme übernimmt, muss sich intensiv mit der Funktionsweise beschäftigen – idealerweise zuerst an Land.

Sicherheit entsteht nicht durch das Gerät, sondern durch Verständnis.


Alleine in den Mast – mit System statt Improvisation

Kaum etwas ist unangenehmer, als allein in den Mast steigen zu müssen. Viele improvisieren mit Winsch und Sitzbrett. Alfred nutzt stattdessen eine Kombination aus Steigklemme (z. B. Petzl Ascension) und Sicherungsgerät.

Das Prinzip ist aus dem Alpinismus bekannt:
Eine mechanische Klemme greift am Seil und blockiert in eine Richtung. Man steht im Gurt, drückt sich mit den Beinen nach oben, schiebt die Klemme weiter, setzt sich wieder – und gewinnt Stück für Stück Höhe.

Was technisch simpel wirkt, verlangt saubere Vorbereitung. Das verwendete Fall muss in einwandfreiem Zustand sein. Es darf keine Mantelschäden geben, keine versteckten Alterungserscheinungen. Außerdem sollte immer eine zweite Sicherung mitlaufen – Redundanz ist im Bergsport selbstverständlich und sollte es an Bord ebenso sein.

Ein Mast ist kein Felsen. Er bewegt sich. Das Boot rollt. Seitliche Pendelkräfte entstehen schneller als man denkt. Deshalb gehört ein Mastaufstieg nicht in ruppige See und schon gar nicht unter Fahrt. Die beste Technik nützt nichts, wenn die Umgebungsbedingungen falsch gewählt sind.

Doch wer sich ernsthaft mit solchen Systemen beschäftigt, erkennt schnell: Das ist kontrollierter und planbarer als viele klassische Bordlösungen.


Kraft intelligent einsetzen

Auch beim Durchsetzen von Fallen zeigt sich der alpinistische Einfluss. Eine Steigklemme ersetzt in bestimmten Situationen die Winsch. Nicht, weil sie stärker wäre – sondern weil sie direkter arbeitet.

Man greift, setzt an, überträgt Kraft unmittelbar. Gerade unter einer Sprayhood, wo die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, kann das ergonomisch überlegen sein.

Doch auch hier gibt es Grenzen. Die gezahnten Nocken einer Steigklemme sind für textile Kletterseile konzipiert. Hochverdichtete Regattaleinen oder stark beschichtete Hightech-Fasern können beschädigt werden. Jede Anwendung muss zum Material passen.

Die Technik ist robust – aber nicht universell.


Der Bullenstander – Geometrie statt Gewohnheit

Ein besonders wichtiger Punkt betrifft den Bullenstander. Patenthalsen sind eine der häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen an Bord. Viele Leinenführungen sind suboptimal, weil sie zu kurz gedacht werden.

Der Angriffspunkt muss an der Baumnock liegen. Die Leine muss möglichst weit nach vorne geführt werden – idealerweise bis zum Bug – bevor sie ins Cockpit zurückläuft.

Warum?
Weil nur so der Hebelarm maximal wird.
Nur so entsteht eine wirksame Sicherung gegen unkontrolliertes Umschlagen des Baumes.

Die richtige Geometrie entscheidet über die Wirkung. Das ist Mechanik, keine Philosophie.


Technik unter Deck – mit Verantwortung

Auch beim Generator zeigt sich die systematische Denkweise. Fest installiert, sauber geführt, Abgas kontrolliert abgeführt.

Doch hier ist Vorsicht geboten: Kohlenmonoxid ist geruchlos und tödlich. Wer einen Generator unter Deck betreibt, braucht zwingend eine dichte Abgasführung und idealerweise einen CO-Warner. Gute Ideen bleiben nur dann gut, wenn alle Risiken mitgedacht werden.


Nicht fallen ist besser als gesichert fallen

Besonders interessant ist eine einfache, fast unscheinbare Idee: eine Halteleine entlang der Sprayhood. Kein spektakuläres Hightech-System – sondern ein durchgehender Handlauf für den Weg vom Cockpit nach vorn.

Im Bergsport heißt es oft: Die beste Sicherung ist die, die man nicht braucht, weil man gar nicht erst stürzt.

Diese Philosophie durchzieht das gesamte Boot. Nicht nur auffangen, sondern vermeiden.


Was wir wirklich lernen können

Das Video von Uwe zeigt keine Sammlung von Ausrüstungstipps. Es zeigt eine Denkhaltung.

Im Bergsport sind Lastpfade, Redundanz, Bedienbarkeit und Übung selbstverständlich. Niemand würde ein neues Sicherungsgerät am Felsen ausprobieren, ohne es vorher verstanden zu haben.

Beim Segeln hingegen wird oft improvisiert. Vieles hat Tradition, aber nicht immer System.

Die Shark 24 von Alfred demonstriert eindrucksvoll:
Sicherheit entsteht nicht durch Bootsgröße.
Sicherheit entsteht durch durchdachte Strukturen.

Und manchmal lohnt es sich, den Blick vom Meer in die Berge zu richten.


Wer sich für die Details interessiert, sollte sich unbedingt das Video von Uwe (Swålins Reisen) ansehen:

https://www.youtube.com/watch?v=kxmaW162HXI

Es ist mehr als ein Messeinterview.
Es ist eine Einladung, Sicherheit neu zu denken.

Sicherheit neu gedacht (2)

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