Bestandsaufnahme und Planung, bevor ein Kabel gelöst wird
Nach den Grundlagen wird es ernst.
Der größte Fehler bei der Erneuerung der Bordelektrik ist nicht ein falscher Kabelquerschnitt oder eine ungünstige Sicherung – sondern zu früh mit dem Umbau zu beginnen.
Wer einfach anfängt, alte Leitungen zu ersetzen, übernimmt fast immer unbemerkt alte Fehler. Deshalb beginnt jede gute Bordelektrik nicht mit Werkzeug, sondern mit Bestandsaufnahme und Planung.
Warum dieser Schritt so wichtig ist – an Bord ist Elektrik gewachsen.
Kaum ein Boot hat heute noch den Zustand der Werftauslieferung. Neue Verbraucher kamen hinzu, andere verschwanden, Leitungen wurden verlängert oder umgelegt.
Ohne saubere Bestandsaufnahme passiert Folgendes:
- alte Abhängigkeiten bleiben bestehen
- ungenutzte Leitungen werden weitergeführt
- Sicherungen werden „nach Gefühl“ ersetzt
- das neue System wird genauso unübersichtlich wie das alte
Ziel dieses Schrittes ist es, das bestehende System vollständig zu verstehen – nicht es sofort zu bewerten.
Schritt 1: Verbraucher erfassen – vollständig und ehrlich
Der erste praktische Schritt ist eine vollständige Liste aller elektrischen Verbraucher an Bord.
Dazu gehören nicht nur offensichtliche Geräte wie:
- Navigationsinstrumente
- Beleuchtung
- Kühlschrank
sondern auch:
- Ladegeräte
- Steckdosen
- Pumpen
- Instrumentenbeleuchtung
- Reserveverbraucher, die aktuell nicht genutzt werden
Wichtig ist, wirklich alles aufzuschreiben, auch Dinge, die „immer da waren“.
Schritt 2: Räumlich denken – vom Bug bis zum Heck
Eine gute Methode ist, das Boot gedanklich in Zonen aufzuteilen:
- Vorschiff
- Salon
- Navigation / Cockpit
- Heck / Motorraum
- Mast
Gehe das Boot systematisch ab und notiere:
- wo der Verbraucher sitzt
- wie weit er ungefähr von der Batterie entfernt ist
- ob er dauerhaft oder nur gelegentlich genutzt wird
So entsteht automatisch ein erstes Bild der Kabellängen – ein entscheidender Faktor für spätere Planung.
Schritt 3: Bestehende Leitungen nachvollziehen
Jetzt wird es detektivisch.
Versuche, so gut es geht:
- Kabelwege nachzuvollziehen
- Abzweigungen zu erkennen
- alte Sicherungen zuzuordnen
Hilfreich sind:
- Taschenlampe
- Kamera oder Smartphone
- farbige Kabelbinder
- Klebezettel
Es geht nicht darum, jedes Kabel zweifelsfrei zu identifizieren – sondern Muster zu erkennen:
- Wo wird „abgegriffen“?
- Wo laufen viele Verbraucher über eine Leitung?
- Wo ist etwas nicht mehr nachvollziehbar?
Schritt 4: Stromkreise logisch zusammenfassen
Auf Basis der Verbraucher entsteht nun die erste Struktur.
Bewährt haben sich Gruppen wie:
- Navigationslichter
- Innenbeleuchtung
- Navigationselektronik
- Komfortverbraucher
- Hochlastverbraucher
Dabei gilt:
- Sicherheit vor Komfort
- Übersicht vor Minimalismus
Ein Stromkreis weniger ist kein Gewinn, wenn er später unverständlich ist.
Schritt 5: Kritische Verbraucher identifizieren
Einige Verbraucher verdienen besondere Aufmerksamkeit:
- Bilgenpumpe
- Funkgerät
- Ladeeinrichtungen
- Navigationslichter
Diese müssen:
- zuverlässig funktionieren
- auch bei Teilausfällen verfügbar bleiben
- sinnvoll abgesichert sein
Spätestens hier zeigt sich, welche Verbraucher nicht über das normale Schaltpanel laufen sollten.
Schritt 6: Zielbild definieren – wie soll es am Ende aussehen?
Bevor du an den Umbau gehst, formuliere dein Zielbild:
- Wo sitzen Sicherungen?
- Wie viele Stromkreise soll es geben?
- Wo verlaufen Hauptleitungen?
- Wie soll die Elektrik erweiterbar bleiben?
Dieses Zielbild muss nicht perfekt sein – aber klar.
Eine einfache Skizze reicht völlig aus.
Schritt 7: Dokumentation anlegen – jetzt, nicht später
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, eine einfache Dokumentation anzulegen:
- Verbraucher
- Stromkreis
- Position
- grobe Kabellänge
- geplante Absicherung
Diese Liste begleitet den gesamten Umbau und wächst mit jedem Schritt.
Typische Fehler in dieser Phase
- „Das merke ich mir schon“
- „Das kann man später noch dokumentieren“
- „Ich fange einfach mal an“
Diese Sätze führen fast immer zu einem halbfertigen System.
Fazit
Die Bestandsaufnahme ist der unspektakulärste Teil der Bordelektrik – und gleichzeitig der wichtigste.
Wer hier sauber arbeitet:
- spart später Zeit
- vermeidet doppelte Arbeit
- und erhält ein System, das auch in Jahren noch verständlich ist
Im nächsten Artikel geht es ans Eingemachte:
Kabel, Querschnitte und Absicherung – wie man Strom an Bord richtig dime
